DER HIRNSCHRITTMACHER

Die tiefe Hirnstimulation (THS) erobert sich derzeit neue Indikationen bei psychiatrischen Erkrankungen.

Die tiefe Hirnstimulation (THS) erobert sich derzeit neue Indikationen bei psychiatrischen Erkrankungen.

Dank der tiefen Hirnstimulation (THS) lässt sich die Motorik von Patienten mit massiven Bewegungsstörungen, denen medizinisch anders nicht geholfen werden kann, zum Teil spektakulär verbessern. Etabliert hat sich das Verfahren zunächst beim Tremor, inzwischen werden auch andere therapieresistente Bewegungsstörungen behandelt. Die Therapieerfolge sind so überzeugend, dass zunehmend neue potenzielle Indikationen zur Behandlung mit der THS in Betracht gezogen werden. Frau Prof. Dr. Veerle Visser-Vandewalle, Direktorin der Klinik für Steretaxie und Funktionelle Neurochirurgie an der Universitätsklinik Köln, berichtet über weitere Einsatzmöglichkeiten der THS bei Zwangserkrankungen.

WIE FUNKTIONIERT DIE THS UND WIE WIRKT EIN HIRNSCHRITTMACHER?

Das Prinzip der THS ist folgendes: Symptome bei bestimmten Erkrankungen sind die Folge einer elektrischen Störung im Gehirn. Wenn wir eine Elektrode in das elektrisch gestörte Areal implantieren und eine hochfrequente Stimulation anwenden, können wir die Symptome positiv beeinflussen. Zum Beispiel gibt bei Parkinson-Patienten ein Areal, das wie eine Bremse funktioniert und durch das die Bewegungen koordiniert werden. Ist dieses elektrisch zu aktiv, werden die Patienten Schwierigkeiten bei der Durchführung von Bewegungen haben. Durch die hochfrequente Stimulation wird die Bremse gedämpft und der Patient kann sich besser bewegen.

Während der Operation werden durch zwei kleine Bohrlöcher – eines rechts und eines links – jeweils eine ganz feine Elektrode implantiert. Die beiden Elektroden werden per Kabel verbunden mit einem Impulsgenerator, einer Art Schrittmacher, der unterhalb des Schlüsselbeins unter der Haut implantiert wird.

KÖNNEN DIE PATIENTEN SELBSTÄNDIG DIE FUNKTION DES HIRNSCHRITTMACHERS REGULIEREN?

Die Patienten bekommen ein Programmiergerät, mit dem sie die Stromstärke innerhalb bestimmter Grenzen selbst anpassen können.

BEI WELCHER ERKRANKUNG WIRD DIE THS AM HÄUFIGSTEN EINGESETZT? GIBT ES WEITERE EINSATZMÖGLICHKEITEN?

Die THS wird am häufigsten bei Bewegungsstörungen, u.a. bei der Parkinson-Erkrankung und bei Tremor eingesetzt. Eine dritte Indikation im Rahmen der Bewegungsstörungen ist die Dystonie. Vor allem bestimmte genetische Formen der Dystonie zeigen sehr gute Erfolge nach einer THS.

Daneben gibt es psychiatrische Indikationen. Von diesen ist die Zwangserkrankung die häufigste und wird auch von den Krankenkassen unterstützt. Die zweite psychiatrische Indikation ist die Tourette-Erkrankung, bei der ebenfalls gute Ergebnisse mit der THS erreicht werden.

SIE HABEN VOR KURZEM EINE STUDIE MIT SUCHTERKRANKTEN DURCHGEFÜHRT. FÜR WEN IST DIE THS EINE ALTERNATIVE ZU ANDEREN THERAPIEKONZEPTEN RAUS AUS DER SUCHT?

An der Uniklinik Köln haben wir zwei Studien durchgeführt: Eine multizentrische Studie mit THS bei Alkoholsucht und eine monozentrische Studie bei Heroinsucht.

Wir haben beide Studien frühzeitig abbrechen müssen, da die Rekrutierung von Patienten zu langsam verlief. Von den bisherigen vier Patienten mit Heroinsucht, die wir operiert haben, gibt es bei zwei Patienten hervorragende Ergebnisse.

Der dritte Patient ist nach der Operation leider nicht wie vereinbart zu den Nachuntersuchungsterminen erschienen und der vierte Patient wollte einige Monate nach der Operation die Implantate entfernen lassen. Die Rekrutierung und auch Motivation zur Einhaltung vereinbarter Nachuntersuchungstermine ist bei Suchtpatienten ein allgemeines Problem, mit dem auch andere Länder entsprechende Erfahrungen gemacht haben.

IST DIE THS FÜR JEDE ART VON ZWANGSERKRANKUNG GEEIGNET?

Die Selektion von Patienten mit psychiatrischen Störungen sowie Zwangserkrankungen führen wir in enger Zusammenarbeit mit der Klinik für Psychiatrie gemäß den internationalen Leitlinien durch. Nur austherapierte Patienten, die einen bestimmten Leidensdruck haben, kommen in Frage. Die besten Ergebnisse werden erreicht bei Patienten mit Kontrollzwängen und Waschzwängen.

Insgesamt können wir sagen, dass bei 60-70% der Patienten eine deutliche Verbesserung der Zwangssymptome besteht. Es ist aber nicht selten, dass das Endergebnis erst nach einem Jahr erreicht wird. Meistens spürt der Patient aber schon in den ersten Monaten nach der Operation eine Verbesserung der Stimmung.

WIE WIRD DER ABLAUF AN IHRER KLINIK SEIN – WELCHE VORAUSSETZUNGEN SIND NÖTIG, DAMIT EIN PATIENT IN FRAGE KOMMT?

Wenn uns ein Patient überwiesen wird oder wenn uns ein Patient selbst kontaktiert, um die Möglichkeiten einer THS zu besprechen, werden zunächst alle vorliegenden Arztbriefe angefordert, so dass wir ausführliche Informationen bezüglich der Diagnose, bereits durchgeführter Voruntersuchungen und Behandlungen erhalten können. Anschließend wird der Patient zu einem Termin in unsere Klinik eingeladen, gemeinsam mit den Kollegen aus der hiesigen Klinik für Psychiatrie. Dann wird entschieden, ob der Patient für eine Indikationsprüfung in Frage kommt. Daraufhin wird eine Aufnahme in der hiesigen Klinik für Psychiatrie geplant, um die Selektionskriterien zu testen. Wenn die Untersuchungen positiv ausfallen, bekommt der Patient einen Termin für die Operation.

Nach der Operation verbleibt der Patient für einige Tage in der Klinik für Stereotaxie, anschließend wird er in die Klinik für Psychiatrie verlegt, wo die Stimulation eingeschaltet wird. Insgesamt dauert der Aufenthalt 3-4 Wochen, danach sehen wir den Patienten zur Nachuntersuchung ambulant wieder nach sechs Wochen, drei Monaten, sechs Monaten und dann einmal im Jahr – sowohl in der Klinik für Psychiatrie wie auch in der Klinik für Stereotaxie.

WIE WIRKSAM IST DIE THS IM VERGLEICH ZU MEDIKAMENTÖSEN UND ANDEREN THERAPIEKONZEPTEN?

Die THS ist die Therapie der letzten Wahl. Das bedeutet, dass nur Patienten, die konservativ austherapiert sind, für die Behandlung in Frage kommen. In diesem Sinne kann man dieses Verfahren nicht vergleichen mit medikamentösen oder anderen Therapien, wie der Psychotherapie, sondern diese Behandlung kommt nach den konservativen Therapien.

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